Herkunft der Wörter

5. Oktober 2021

Warum gibt es in Deutschland ungeheure Debatten über den englischen Begriff ‚gender‘ in der Sprache, aber kein annähernd gutes Forum für die Herkunft der Wörter (Etymologie) der deutschen Sprache, ihre Geschichte, Erinnerung und Zukunft, wie das Online Etymology Dictionary für die englische Sprache (vielleicht das dwds.de). 

Das erinnert mich an die Frage, ob in den Organen der Europäischen Union nach dem Austritt Englands weiter die englische Sprache verwendet werden darf, die ich durch den Verbleib von Irland und Malta für beantwortet hielt. In der Europäischen Zeitschrift für Wirtschaftsrecht (EuZW) hat nun ein Jurist (Herr Prof. Dr. W. Christian Lohse) diese Frage genauer untersucht („Nach dem Brexit Englisch noch Vertrags-, Amts-, Arbeits- und Verfahrenssprache der EU?“ – EuZW 2021, 667). Sein Fazit lautet, für künftiges Primärrecht (Anm: wie den ‚Digital Services Act‘) stehe Englisch der EU rechtlich eigentlich nicht mehr als authentische Vertragssprache der EU zur Verfügung. Es bestünde nur die Möglichkeit, dass die Mitgliedsstaaten Irland oder Malta, die neben ihrer Landessprache die englische Sprache als weitere nationale Amtssprache führen, statt ihrer Landessprache Irisch oder Maltesisch gemäß Art. 8 SprachenVO Englisch als ihre Landessprache für die EU benennen. Das ist bislang nicht geschehen.

Englisch ist nicht erwünscht als Sprache, sondern als Nicht-Sprache.

Wörter, die zu Gegenständen werden, nicht mehr Überlegung, sondern Tatsache, die Überlegung entgegen gesetzt wird. 

Das mag erklären, warum es, obwohl das den Kern einer europäischen Union als ein demokratisches Europa der Menschen bilden sollte, keine  wirkungsvollen Maßnahmen der Institutionen der Europäischen Union gegeben hat und geben wird, die eine Kommunikation zwischen den Bevölkerungen der Mitgliedstaaten und damit das Entstehen einer europäischen Öffentlichkeit und einer europäischen Sprache fördern würden, zum Beispiel durch die spontane Zugänglichkeit aller Medien jedes Mitgliedstaates für alle Bürger jeweils aller anderen Mitgliedstaaten im Original und mit simultaner Übersetzung oder Untertiteln und die grenzüberschreitende Wahl und Wählbarkeit aller Menschen und aller Parteien in allen Mitgliedstaaten aus allen Mitgliedstaaten bei der Wahl der Abgeordneten des Europäischen Parlamentes.

Eine Vorstellung, die weniger radikal wirkt im Vergleich zu den Geldmengen, welche die Europäische Union inzwischen bewegt, um die Machtausübung in Europa ohne Entstehung einer europäischen Öffentlichkeit in ihren Institutionen zu zentralisieren. Eine Vorstellung, die mir indessen ein stärkeres Argument gegen die Souveränität der Institutionen der Europäischen Union zu sein scheint, als die bloße Ableitung ihrer Autorität aus Verträgen zwischen den Mitgliedsstaaten ohne einen gemeinsamen Akt der Staatsbildung der Bevölkerung Europas. Denn diese Vorstellung schließt einen solchen Akt bereits aus, weil ohne gemeinsame Öffentlichkeit und Sprache eine solche Willensbildung nicht möglich ist, ein europäisches Volk (demos) nicht besteht, das diesen Staat bilden könnte. Das ist die Eigenart bei der Verwendung der englischen Sprache durch die Institutionen der Europäischen Union nach dem Austritt des englischen Volkes. Mit der Verwendung dieser Sprache simulieren die Institutionen der Europäischen Union ein europäisches Volk, um sich Souveränität zu verleihen. 

Wichtiger ist vermutlich, Gesetzestexte in Zukunft in der Sprache einer formalen Logik zu fassen, um ihre maschinelle Anwendung zu ermöglichen. 

Einen Unterschied zwischen dem genannten online-Wörterbuch der Etymologie der englischen Sprache und dem der deutschen Sprache sehe ich bei der Betrachtung des Wortstammes in ‚zu vergessen‘ (-gessen). Beide zeigen mir eine Herkunft aus einem Wortstamm ‚geta‘ oder ‚getan‘ (der zum englischen ‚to get‘ und ‚to forget‘ führt), meinend etwas ergreifen, daraus folgend an etwas gelangen und daraus folgend abschätzen. Die englische Etymologie zeigt mir auch die Entwicklung in dem Wort ‚gissen‘ (Mittelniederländisch und Mittelniederdeutsch), das heute nur noch in der deutschen Seemannssprache für die ungefähre Ortsbestimmung verwendet wird. Das deutsche online-Wörterbuch zeigt mir also keine Entwicklungsvarianten aus der Geschichte der deutschen Sprache (wohl aber mein gedruckter Kluge aus dem Jahr 1977). So könnte zwar das Verb ‚gessen‘ (neben ’schätzen‘) aus der Sprachentwicklung heraus im Deutschen wie das Wort ‚guess‘ in der englischen Sprache verwendet werden, würde aber als Anklang des englischen ‚guess‘ wie die Verwendung eines fremdsprachlichen Wortes empfunden, während zugleich aber die unmittelbare Verwendung englischer Wörter wie ‚gender‘ als eigen gilt. Die Verwendung englischer Wörter im Deutschen wäre dann eben nicht Zeichen der Durchlässigkeit zwischen den Sprachen, sondern im Gegenteil einer starken Konvention gegen die grenzüberschreitende Verwendung und Entwicklung von Sprache, der grenzüberschreitenden Vermischung. Und einer starken Konvention gegen die grenzüberschreitende Vermischung von Politik und damit das Gegenteil eines europäischen Staatsvolkes, das eines der drei Grundvoraussetzungen für einen europäischen Staat und damit die Souveränität der Institutionen der europäischen Gemeinschaft wäre.