Nationalsozialismus

4. März 2021

Ich erinnere mich an meine Großeltern mütterlicherseits, die im Odenwald gelebt haben, an meinen Großvater aus einer Familie französischer Hugenotten, und an meine Großmutter, die aus Dresden stammte und das Stanniolpapier jeder Tafel Schokolade bewahrt hat, ich habe nie verstanden, warum. 

Ich erinnere mich als Kind an ein Fest in einem großen alten Hof auf einem Hügel am Rande eines Seitental im Odenwald. Ich habe noch ein Photo mit einem Pony in verblichenen Farben.  

Meine Mutter erzählte später, ihr Vater habe geweint, als sie mit uns von dort zu diesem Fest gefahren ist. Diesen Hof hatte Herr Hitler persönlich Herrn Krauch geschenkt, dem Vorstandsvorsitzenden der IG Farben, und wir waren auf dem Geburtstag seines Sohnes. Für meine Mutter war die Nähe bedeutender Menschen wichtig. Ihre Schwester war mit einem Erben des rheinischen Industrieadels Poensgen verheiratetet und hat sich mit seiner Jagdflinte erschossen. Und ihr Vater war bis zum Kriegsende Direktor eines Hüttenwerks im Maingebiet. Ich habe vor ein paar Jahren ein Bild dieses Hofes im Internet gefunden, als es zum Verkauf stand. 

Mein Großvater väterlicherseits war Direktor der Norddeutschen Dornier-Werke in Wismar. Meine Großmutter ist im Krieg jung an Krebs gestorben und er blieb mit vier Jungen zurück. Der älteste, mein Vater wurde mit 18 Jahren zur Ostfront einberufen. Sie wurde Ima gerufen. Das hebräische Wort für Mutter, habe ich jetzt gehört. Mein Vater wurde drei Mal verwundet. Beim dritten Mal wurde seine Einheit bis auf zwei Männer aufgerieben, während er im Lazarett war. Die Front bestand zu dieser Zeit nur noch aus weit auseinander gezogenen Schützenlöchern und die Russen gingen dazu über, mit ihren Panzern darüber zu fahren und diese langsam in den Grund zu drehen. 

Ich erinnere mich, als mir einer der drei Brüder meines Vaters eines Tages eine Akte schickte, ob mir noch etwas einfiele, wie man das nach dem Krieg durch die russische Militärregierung enteignete Haus in Wismar zurück fordern könne, und ich in der Akte eine Kopie sah, des vergilbten, alten, unregelmäßig getippten Protokolls über das Verhör des in Nürnberg inhaftierten SS-Kommandanten des Frauen-KZ Ravensbrück durch amerikanische Offiziere, über dessen Gespräche und Vereinbarungen mit den Leitern verschiedener namhafter deutscher Industrieunternehmen über die Einrichtung von Außenlagern des KZ Ravensbrück für Zwangsarbeit. Darunter mein Großvater, Direktor der Norddeutschen Dornier-Werk in Wismar, über die Einrichtung des Außenlagers Neustadt-Glewe. Ich habe das nicht gemacht. 

Ich habe eine alte Photograpie des Ölgemäldes von John Mohrmann der Viermast-Bark Nal, mit der mein Urgroßvater Julius als Kapitän um Kap Horn nach Chile segelte, wie es in dem Haus meiner Großeltern in Wismar auf einem Schrank an der Wand lehnte. Es ist bei dem Durchmarsch der Roten Armee verloren gegangen. Ich hab es vor einigen Jahren auf der Internetseite eines niederländischen Händlers entdeckt. Ich habe das nicht weiter verfolgt. 

Ich kann mir meinen Großvater, der vor meiner Geburt gestorben ist, nicht als bösen Menschen vorstellen. Ich sehe ihn auf einem alten Photo glücklich am Müggelsee vor der Dornier Do X, als sie nach ihrer Weltumrundung gelandet war. 

Sein Bruder war der Architekt Julius Schulte-Frohlinde, zusammen mit Hermann Göring im ersten Weltkrieg Flieger im Jagdgeschwader Manfred von Richthofen. Und später auf seiner Hochzeit eingeladen. In meiner Familie hieß es, er habe nach dem Krieg als Stadtbaudirektor die Altstadt von Düsseldorf gerettet. 

Ich erinnere mich an den ersten und einzigen Ausflug, den ich mit meinen Kindern nach dem psychischen Zusammenbruch ihrer Mutter mit anderen Eltern und Kindern aus ihrer Schule machen durfte. Nach Fürstenberg an der Havel. Wir kamen in unserem Auto von einer abgewandten Seite der Stadt durch sozialistisches Neubaugebiet an einen rosa überstrichenen Panzer auf einem Sockel mit umstrickten Rohr und folgten dem Weg um den See durch einen Wald, in dem verwunschene alte, halb verfallene Holzhäuser standen (ich dachte noch, wie schön, ein Sommerhaus) und dann auf eine weite Fläche am Rande des Sees, auf dem größere Häuser in einem etwas biederen Stil standen, in denen sich die Räume der Jugendherberge befanden. Ich habe immer noch nicht verstanden. Später bin ich mit meiner Freundin aus Frankreich weiter um den See gegangen und stand vor der Eingangsmauer des Konzentrationslagers Ravensbrück. Denn die Stadt Ravensbrück hieß nun Fürstenberg. Und wenn man später auf dem Marktplatz saß und einen Kaffee trank, schaute man über den See auf das Eingangstor des Konzentrationslagers. Und wir wohnten in den Häusern der Wachmannschaften und die verfallenen Häuser im Wald waren die Häuser der SS-Kommandanten und ihrer Familien. 

Mein Vater erzählte er mir einmal von einem Einsatz gegen Partisanen, als einem Toten die Mütze verrutschte und langes blondes Haar herausfloss. Ich habe diese Geschichte vor einiger Zeit in einem Buch eines anderen gelesen. Er war dann einige Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft. Ich frage mich nach den stillen Momenten bei Tschechow und den Bildern aus einem Schuppen gefilmt von Kindern die deutsche Soldaten über einen verschneiten Hof auf einer winterlichen Ebene in Russland zu einem Lastkraftwagen treiben. 

Ich erinnere mich an den jüngsten Bruder meines Vaters, der kurz nach dem Krieg mit einer jüdischen Frau aus Deutschland nach New York ausgewandert ist, und die dort zusammen lange den Village Chess Shop hatten, südlich vom Washington Square, und dort gemeinsam die jungen Verwandten aus Deutschland psychisch quälten, die zu Besuch kamen, um die Freiheit Amerikas zu erfahren (was sie doch nicht ganz verhindern konnten). Sie ist nie wieder nach Deutschland zurück gekehrt. Und meinen Vater, der nach der Scheidung ebenfalls nach Amerika gegangen ist und dort erst mit einer jüdischen Frau liiert war und dann eine andere, ebenso liebevolle Amerikanerin geheiratet und mit ihr in Washington gelebt hat. Und wie ich mit einem alten Mann im Village Chess Shop Schach gespielt habe, der sehr freundlich war, aber meine Hand eisern fest hielt, als ich einen Zug zurück nehmen wollte. Mein Onkel erzählte später, er kam wohl aus russischen Lagern. 

Ich habe in der schwülen Hitze einer Sommernacht in New York in einer kleinen Gästekammer ihres Loft in der 10th street gelegen und den Sirenen gelauscht, mit Lou Reed im Ohr, eine Zigarette geraucht und Gedichte geschrieben, damit meine Tante meine Verstockheit vor meinem Onkel schützt. Die dealer sind zurück geschreckt vor meiner naiven Antwort, not yet. Ich habe Singer gelesen. 

Ich erinnere mich an den letzten Besuch mit meinen Kindern bei meinem Vater in Washington, nachdem ich ihn viele Jahre nicht mehr sehen konnte, als mich und meine Kinder sein amerikanischer Freund, ein ehemaliger Mitarbeiter des CIA, mit seinem Auto zurück zu unserem Hotel brachte, der nicht genug bekommen konnte, von den Geschichten meines Vaters von der Ostfront, und mir erklärte, als ich auf seine Frage nach meiner Dienstzeit in der Armee mit Nein antwortete, nun ja, nicht jeder habe es in sich. 

Ich erinnere mich an den entsetzten Blick meines Onkels, als ich ihm vor dem Village Chess Shop behauptete, ich wisse nicht, was Transzendenz bedeutet. Der nach dem Tod seiner Frau zurück nach Berlin in  ein zweistöckiges Dachapartment zog (er ist mit seinem Versandhandel reich geworden), wo er sich mit jungen Frauen umgab, und zuletzt seine uneheliche Tochter zu Gunsten seiner kolumbianischen Putzfrau enterbte. 

Ich erinnere mich, als ich vielleicht acht Jahr alt war, wie mein Vater mich und meine älteren Geschwister an einem Nachmittag irgendwo im Norden allein einem alten Kino zurück gelassen hat, in dem lief, Steiner, das eiserne Kreuz. Allein in einem dunklen Raum an der Ostfront. 

Ich habe es in mir.

Ich nehme kein Geld dafür.