dutsch

28. Mai 2022

Am 24.05.2022 bin ich mit dem Zug von einem Termin in Köln nach Berlin zurück gefahren und stieg in einem Wagen voll fröhlicher niederländischer Jugendlicher und ihrer Lehrer. Niemand trug eine Maske. Obwohl ich sonst bei meinen Bahnfahrten stets die Maske trage, war es mir zu dumm, als einziger mit einer Maske da zu sitzen und ich dachte, bevor der Kontrolleur zu dir kommt, muss er ja erst einmal ein Dutzend niederländischer Jugendlicher verhaften. Mit wehte aber noch der Gedanke durch den Kopf, pass auf, der Kontrolleur wird direkt dich als einzigen angehen, weil er es nicht wagt, einen Jugendlichen aus einer niederländischen Schulklasse aus dem Zug zu werfen, solange wir nicht wieder über ausreichende militärische Macht verfügen. Dieser Gedanke verlor sich in Tagträumen bis ein Kontrolleur neben mir stand und mich anschnautzte, woraufhin ich eine Maske aus der Tasche zog und aufsetzte, dabei aber fragte, sie gehen jetzt ernsthaft als einzigen gegen mich vor? Woraufhin er seine Frage in einem roboterhaften Ton lauter wiederholte, die ich nun zum ersten Mal verstand. Er hatte mich, ohne erst an das Aufsetzen einer Maske zu erinnern, direkt gefragt, ob ich über ein „Attest zur Maskenbefreiung“ verfüge, und wiederholte diese Frage nun, da ich eine Maske aufhatte, mit dem Hinweis, er übe hier das Hausrecht aus. Woraufhin ich sehr laut in einem roboterhaften Ton durch meine Maske antwortete, nein, ich habe kein Attest zur Maskenbefreiung. Und dann sass ich vier Stunden als einziger mit einer Maske in einem Waggon fröhlicher Niederländer. Denn ich wusste nun schon, was als nächstes kommen würde. Als der Zug in Hannover etwas länger Aufenthalt hatte (ich habe in den letzten zwei Jahren keine reguläre Zugfahrt mehr erlebt, außer der Durchsetzung der Einhaltung der Maskenpflicht), sah ich den Heini aus dem Augenwinkel mit einem Kollegen, den er sich zur Hilfe geholt hatte, außen an dem Waggon vorbei schleichen, der sich mitten im Zug befand, und dann offensichtlich hinten in den Waggon einsteigen, um mich kurz darauf von hinten zu überraschen und gemeinsam mit seinem Kollegen aus dem Zug zu werfen (weil ich anscheinend als ein Maskenverweigerer identifiziert worden war). Das hat aber nicht ganz geklappt, weil ich gerade bloß ein Brötchen aß. Zur Fahrkartenkontrolle kam eine freundliche, fast verlegen wirkende Frau, die ich später länger im Gespräch mit den niederländischen Lehrern sah, während ich in der Toilette den Göttern mein Leid klagte. 

Als ich am 23.05.2022 von Berlin zu dem Termin nach Köln im Zug aufgebrochen war, stieg zu Beginn der Fahrt eine völlig verwahrloste drogenabhängige Frau in den Wagen ein und setzte sich drei Reihen hinter mich neben eine junge Frau. Sie verbreitete einen dermassen Gestank nach Pisse und Fäulnis, dass ich es trotz Abstand und Maske kaum ertragen konnte. Die junge Frau rührte sich nicht. Niemand sagte etwas. Niemand setzte sich um. Und die Schaffner liessen sich nicht blicken. Da bin ich dann den Kontrolleur suchen gegangen und fand ihn einen Waggon weiter, der sagte, ja, das habe er auch schon bemerkt und er werde sich gleich darum kümmern. Das sah dann so aus, dass er den Waggon von vorne nach hinten durchging und dann von hinten begann, die Fahrkarten zu kontrollieren bis er zu dieser Frau kam. Und nun begann eine Diskussion und ein Hin- und Her, in das schließlich drei Schaffner und ein privat im Zug unterwegs befindlicher Polizist involviert waren, die aber offensichtlich mit der Aufgabe überfordert waren, eine aggressive Person ohne Fahrkarte und ohne ertragbaren Zustand (und ohne Maske) aus dem Zug zu werfen. Sie kam dann einfach wieder zurück in den Waggon gelaufen und wollte sich nun neben mich setzen, was ich allerdings nicht zugelassen habe und dann auch aufgestanden bin, um sie in einfacher Sprache aufzufordern, Abstand zu gewinnen. Nun wurden die Kontrolleure plötzlich aktiv, mit der laut vorgetragenen Rechtfertigung, ein Mitfahrer habe sie beschuldigt, an seine Tasche gegangen zu sein, und komplementierten sie bei dem nächsten Halt nach über einer Stunde schließlich aus dem Zug. Mangels Erfahrung mit Junkies allerdings ohne abzuwarten, bis der Zug wieder fährt, woraufhin sie wieder einstieg und sich wieder weiter vorne zwischen andere Leute setzte, die dann allerdings beim nächsten Halt tatsächlich sicher gestellt haben, dass sie nicht wieder einstieg. 

Das erinnert mich an ein Erlebnis während des zweiten Ausbruchs der Corona-Politik im Sommer 2021, als ich vor dem Sommerbad Kreuzberg in Berlin mit einer Menge Leute auf den Einlass in das Zeitfenster wartete. Da sah ich einen betrunkenen Obdachlosen auf zwei Frauen zugehen, die nebeneinander auf einem kleinen Mäuerchen sassen und warteten. Er ging so nah an sie heran, dass sie ihre Beine öffnen mussten, um ihn nicht zu berühren. Und dann legte er grinsend seinen Finger an einen Nasenflügel und rotzte ihnen zwischen den Beinen auf den Boden. Erst auf der einen Seite und dann auf der anderen Seite. Sie sassen da wie erstarrt und liessen es geschehen. Der gute Mensch rückte dann vor in die Gruppe, die vor dem Eingang wartete und begann zu grölen und seine Bierflasche im Kreis zu schleudern, um die Leute voll zu sauen. Und wieder hat niemand etwas gesagt oder getan, sondern die Leute sind ihm ausgewichen und haben sich gleichzeitig so benommen, als wäre er nicht da. Da habe ich ihn in einfacher Sprache aufgefordert, Abstand zu gewinnen und nachdem er mich daraufhin auch mit Bier bespritzte, schließlich versucht, ihm die Bierflasche aus der Hand zu treten, da ich ihn nicht berühren wollte. Nun gab es zum ersten Mal eine Reaktion aus der Menge. Gegen mich. Ich hörte Rufe „hey, nicht so brutal“ und „nicht treten“. Der Penner aber versuchte mich nur kurz aus einigem Abstand noch verbal zu provozieren und verschwand. Dann habe ich mich umgedreht. Und die Menge der wartenden Menschen hatte einen weiten Bogen um mich gebildet. Ich stand nun alleine da. 

Von dem Termin vor dem Landgericht Köln erinnere ich mich nur noch an den alten Mann, der in der großen Halle im zweiten Stock des Gerichts herum irrte, wo ich meine Zeit abwartete, und einen Raum 210 suchte, den es nicht gab, und für den ich mehrere Richter und Justizangestellte, die vorüber eilten, nach diesem Raum gefragt habe, und für den ich auch zum Empfang hinunter gehen wollte, aber dann gerade auch noch auf den Koffer eines Kollegen aufpassen musste, der schon hinunter gegangen war, weil er seinen Raum nicht finden konnte. Bis zwei der freundlichen Leute, die ich angesprochen habe, ihn nach dem Schreiben fragten, in dem die Raumnummer genannt war, und es sich aufgeklärt hat. Er kam dann noch zu mir, um sich zu bedanken, und sagte, er müsse die Betreuung für seine Frau beantragen, die einen Schlaganfall erlitten habe, um alles für sie zu regeln. Ich denke jetzt, das hat mich vielleicht so traurig gemacht, dass ich so wütend geworden bin. 

Aber vielleicht war es auch Köln zu sehen, das Ausmass der Zerstörung der einst mittelalterlichen Stadt, mit dem Wunsch wieder errichtet, es möchte niemals mehr etwas Schönes geben. Die Trauer zu spüren im Anblick vereinzelter alter Häuser, die besser auch vergehen sollten, damit die Erinnerung nicht aufkommt, wie ich es in Koblenz gesehen habe, an verwüsteten Ausfallstraßen. Das erinnert mich an die Stadt, in der ich mit der Vorstellung aufgewachsen bin, Deutschland sei weit nach dem Jahr 1945 in Fussgängerzonen mit Sitzgruppen entstanden. Bis mir jemand den eisernen Rahmen des Davidsterns zeigte, den er damals mit Freunden aus der Ruine der Synagoge gerettet hatte, von der ich gar nichts mehr wusste, bevor sie gesprengt wurde, um für das neue Gebäude der Stadtsparkasse Platz zu machen. Und mir erzählte, wo heute die drei Iduna-Hochhäuser aus Eternit stünden, habe sich noch ein bürgerliches Wohnviertel des 19. Jahrhunderts befunden, das den Krieg überstanden hatte, und in dem die Großmutter noch ein Haus gehabt habe, das dann enteignet und abgerissen wurde, um Platz zu machen. Ich habe später gelesen, an der Stelle der Fußgängerzone habe einmal seit dem Mittelalter eine niederfränkische Altstadt aus Fachwerk bestanden (und mölmsches Platt gesprochen). 

Die französische Muttergesellschaft Vallourec AG hat am 19.05.2022 bekannt gegeben, das in dieser Stadt verbliebene, ehemalige Mannesmann Röhrenwerk mit 1.500 Arbeitsplätzen wegen der inzwischen zu hohen Kosten für industrielle Produktion in Deutschland zu schließen. 

Auf dem Weg nach Köln im Zug durch das Bergische Land eine Brandwand mit der Aufschrift Ibach, älteste Pianoforte-Fabrik Europas, aber auch die bald im Jahr 2007 bankrott gegangen, und dachte an die Tage nach der Aufhebung der Maßnahmen, als in mir eine große Müdigkeit wirkte, die Bedeutung verloren gegangen schien, und einige Tage der Gedanke, ich müsste einfach an einer Hauswand niedersinken und hocken, seltsam nun gerade immer in Gedanken an dem Haus der alten Bechstein-Fabrik in einer belanglosen Seitenstraße, und müsste nur an seinem alten Mauerwerk den Kopf in den Nacken sinken lassen und hinauf schauen, die aufeinander gesetzten Steine, und vor mir die Menschen vorüber gehen, von nichts mehr zu unterscheiden und nicht mehr berührt, ohne Woher und Wohin. 

Hinter mir saß die Frau einer jungen Familie, denen ich den Platz frei gemacht hatte, damit sie die Reihe für sich haben, und erzählte ihrem Kind mit ihrer leicht dunklen Stimme leise Geschichten, und ich schlief. 

Ich träume von der still in mir ruhenden Angst, dem aus zufälligen Ereignissen darein sickernden Zweifel, in dem ich erst verrückt geworden sein muss, um ihn Absicht nennen zu können. 

Am Samstag, dem 4. Juni, bin ich morgens früh in dem Keller des Hauses, in dem ich lebe, von einem wohl rumänischen Junkie mit einer Bierflasche, und als das nicht richtig fruchtete, mit dem abgebrochenen Hals der Bierflasche bedroht worden. Die Antwortet lautet, was geht der Typ auch in den Keller und stört die armen Drogenabhängigen.

Und dann am Dienstag, den 7. Juni, als ich im Dauerlauf am frühen Abend entlang der Mauer des Görlitzer Parks zurück kam, stellte sich mir an einem der Ausgänge des Parks ein Penner in den Weg und hielt mir, und nicht etwa einem der vielen anderen dort kreuz und quer laufenden Menschen, schon von weitem, mit auf mich gerichtetem, ausgestrecktem Arm, den abgebrochenen Hals einer Bierflasche entgegen, was ich erst gesehen habe, als ich einfach seitlich an ihm vorbei lief (ich dachte von weitem erst, ein Messer), dann aber stehen blieb und mich umdrehte, weil diese Wiederholung so unwahrscheinlich schien, woraufhin er abdrehte und in den Park lief. Und gerade an diesem Tag mittags, als ich aus meinem Büro am Kurfürstendamm zu einem Termin wollte, hatte sich in dem Haupteingang des Hauses einer der entlang des Kurfürstendamm vagabundierenden, halb verrückten Obdachlosen breit gemacht. Derselbe, der mich einige Tage zuvor angespuckt hatte, als ich mich dem Fahrrad an ihm vorbei fuhr, was mich etwas fassungslos zurück ließ. Und ein anderer dieser Obdachlosen hat bereits vor einiger Zeit seinen Stammplatz verlassen und steht nun unter dem Fenster meines Büros mit seinen lauten monotonen Rufen. Und wenn ich zur festgesetzten Zeit mit dem ICE zu einem Termin nach Köln fahre, steigt in meinen Waggon eine obdachlose Drogenabhängige ein und setzt sich erst drei Reihen hinter mich und versucht dann, sich neben mich zu setzen. 

Die von mir geführten Prozesse dauern inzwischen zum Teil im ersten Rechtszug bis zu sieben Jahre an, und gehen in einem Fall nun in das achte Jahr (und Anträge auf Prozesskosten-Hilfe, die über ein Jahr lang nicht bearbeitet werden). Aber da erscheint im Berliner Anwaltsblatt ein Bericht über ein Gespräch zur Rechtspolitik mit der grünen Vertreterin im Rechtsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses, Frau Dr. Petra Vandrey, in dem es heißt, Verfahren mit bis zu sieben Jahren Dauer, in denen mehrfach die Termine aufgehoben werden und die Richter wechseln, seien „so ungewöhnlich nicht“. Ich habe das Berliner Anwaltsblatt um Auskunft gebeten, auf welchen Informationen diese Aussage beruht, und woher diese Informationen stammen, aber keine Antwort erhalten. 

Kleine Ereignisse, die schicksalhaft wirken. Ich denke an Sherlock Holmes: „Wenn man das Unmögliche ausschließt, muss das, was übrig bleibt, egal wie unwahrscheinlich, die Wahrheit sein“. 

Kurz darauf hing ein ‚Aktionsbündnis‘ mit Sitz in einer Parallelstraße an den Eingangstüren der Häuser in der Straße Plakate auf mit der Überschrift „In meinem Treppenhaus werden Drogen konsumiert. Was kann ich tun?“, in denen von der ‚Kriminalisierung suchterkrankter Menschen‘ gesprochen wird, und welche die von der Kriminalität Suchterkrankter betroffenen Menschen dazu auffordert, aggressives Verhalten gegenüber den Suchterkrankten zu vermeiden und, wenn die Situation zu belastend werde, die Person zu bitten, ihre Drogen woanders zu konsumieren, also ihren Drogenkonsum fortzusetzen, aber bitte bei anderen Leuten. Vielleicht in dem Bürgerbüro der herrschenden grünen Partei am Ende der Straße. Allerdings entfernen die Anwohner (nicht ich) solche Plakate nach meiner Erfahrung in kurzer Zeit, vielleicht weil sie wie Hohn empfunden werden. Vielleicht sollte ich nun meinerseits Plakate drucken und an allen Haustüren des Viertels aufhängen: „Liebe Suchterkrankte, bitte konsumiert Eure Drogen nicht hier, sondern in den Räumen des Bürgerbüros Hausnummer xy oder in den Räumen des Aktionsbündnisses Hausnummer xy“. 

Am 22.07.2022 kamen mir vor dem Haus, als ich zum Dauerlauf gestartet bin, drei Antifa-Lesben entgegen. An den ersten beiden bin ich höflich rechts vorbei gelaufen, aber die dahinter laufende Dritte lief plötzlich gezielt schräg in mich hinein und stieß, da ich wegen der rechts neben mir verlaufenden Baustellenabsperrung gar nicht ausweichen konnte, mit mir zusammen und begann mich dann laut als ‚Wichser‘ zu beschimpfen, der sie angerempelt habe. 

Skeptisch geworden in meiner Erinnerung habe ich nachgelesen. Die Synagoge am Viktoriaplatz in Mühlheim an der Ruhr ist in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, nachdem die Gemeinde sie kurz zuvor an die benachbarte Sparkasse verkaufen musste, durch die Feuerwehr angezündet und die Ruine dann Anfang 1939 vollständig abgerissen worden. Ich habe dann nachgefragt, und das eiserne Rund aus meiner Erinnerung zeigte tatsächlich einen Stern, stammte aber aus der am Rande der Altstadt teilweise noch erhalten gebliebenen Paulikirche, die im Jahr 1971 abgerissen wurde, um Platz zu machen für einen Parkplatz (und dort, am Berliner Platz, wurde lange später der Neubau der Sparkasse errichtet). Anscheinend nutze ich das Bekenntnis zur Schuld meines Volkes als mein, um über die Folgen traurig sein zu dürfen, und ende nur wieder bei der Erkenntnis, es und damit ich habe die Strafe mehr als verdient. Es gibt keine Vergebung.