1 BvR 1675/16

25. Oktober 2018

Das Bundesverfassungsgericht hat mit Urteil vom 18.07.2018 (1 BvR 1675/16 u. a) entschieden, der Rundfunkbeitrag verstosse nicht gegen das Grundgesetz. Urteil

Um die Begründung zu verstehen, die das Gericht für seine Entscheidung gewählt hat, muss man eine Regelung des Zivilprozessrechts kennen, die über § 173 VwGO in einem verwaltungsgerichtlichen Verfahren entsprechende Anwendung finden würde. 

In § 173 der Verwaltungsgerichtsordnung (VwGO) ist die entsprechende Anwendung der Zivilprozessordnung vorgesehen: „Soweit dieses Gesetz keine Bestimmungen über das Verfahren enthält, sind das Gerichtsverfassungsgesetz und die Zivilprozeßordnung einschließlich § 278 Absatz 5 und § 278a entsprechend anzuwenden, wenn die grundsätzlichen Unterschiede der beiden Verfahrensarten dies nicht ausschließen„. Das gilt auch für § 292 ZPO. 

Der § 292 der Zivilprozessordnung (ZPO) lautet: „Stellt das Gesetz für das Vorhandensein einer Tatsache eine Vermutung auf, so ist der Beweis des Gegenteils zulässig, sofern nicht das Gesetz ein anderes vorschreibt. Dieser Beweis kann auch durch den Antrag auf Parteivernehmung nach § 445 geführt werden„. 

Würde also der Rundfunkbeitrag materiell-rechtlich auf der Vermutung der Nutzung des damit finanzierten Angebotes beruhen, wäre prozessual in jedem Verfahren eines Rechtsmittels gegen die Verpflichtung zur Zahlung des Rundfunkbeitrags der Beweis des Gegenteils zulässig, wie den Richtern des Bundesverfassungsgerichtes wohl bewusst war (Rn. 92: „Dem ließe sich auch nicht dadurch abhelfen, dass die Beweislast für das Fehlen eines Empfangsgeräts dem Beitragspflichtigen auferlegt würde„). 

Die Begründung der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes muss also einerseits den Rundfunkbeitrag als zweckbezogene Abgabe definieren, um die Ermächtigungsgrundlage der Länder zu erhalten, und andererseits die Verpflichtung zur Leistung an die bloße Möglichkeit zur Nutzung knüpfen, um eine gesetzliche Vermutung zu vermeiden. Damit gerät die Begründung des Urteils in einen inneren Widerspruch. 

Die Begründung des Urteils des Bundesverfassungsgerichts beruht im Kern auf zwei Punkten. Die Verpflichtung zur Leistung des Rundfunkbeitrags ist keine Steuer, sondern eine Abgabe (Rn. 52 f). Und die Verpflichtung zur Leistung knüpft an die Möglichkeit der Nutzung an, enthalte also keine gesetzliche Vermutung der Nutzung (Rn. 81 f). 

Mit der Anknüpfung an die schiere Möglichkeit der Nutzung wird wiederum die Qualifizierung als Abgabe in Frage gestellt. 

Dies grenzt an ein Paradoxon: Individueller Nutzen wird durch die Chance generiert, zu nutzen, was der Allgemeinheit nutzt“ (Kämmerer, NJW 2018, 3209, 3210). 

Und die Zahlung der Abgabe steht dennoch in keinem direkten Verhältnis mehr zu dem Inhalt des Angebotes. 

Man könnte weiter überlegen, ob in der Regelung des § 292 ZPO ein grundlegender Gedanke der Rechtsordnung um Ausdruck kommt, also fragen, inwieweit schon eine gesetzliche Vermutung überhaupt zulässig wäre. Zu Beginn damit kann der § 292 ZPO hypothetisch auf die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes angewendet werden. Alle gesetzlichen Vermutungen im Sinne des § 292 ZPO haben eine Sache gemeinsam. Aus der Feststellung einer Tatsache wird auf das Vorhandensein einer anderen Tatsache geschlossen (das ist also vielleicht die Idee einer zulässigen gesetzlichen Vermutung). Das bedeutet für die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes: als Tatsache wird die Möglichkeit der Nutzung festgestellt. Eine gesetzliche Vermutung könnte nun lauten, wenn die Möglichkeit der Nutzung besteht, wird auf die Nutzung geschlossen. Das tut das Urteil nun gerade nicht, sondern stellt fest, die Möglichkeit der Nutzung ist gleich der Nutzung. Wenn das so ist, bewirkt die Möglichkeit der Nutzung zwingend die Nutzung. Das wäre aber gleichbedeutend mit einem Benutzungszwang, wenn nicht eine Norm fiktiv eine Wirklichkeit schaffen kann, wie ich es mir mal im Jahr 2012 gedacht habe. Rundfunkbeitrag